Die Geschichte des Anzuges
Bis Ende des 18. Jahrhunderts demonstrierten Männer Macht und Reichtum durch prächtige, farbenfrohe Kleidung, die der oft protzigen Damenmode in nichts nachstand. Eine Ausnahme bildete seinerzeit der englische Landadel, der schon im 17. Jahrhundert bei seinen sportlichen Aktivitäten wie Reiten, Jagen und Pferderennen einen aus Wolle gefertigten Reitanzug trug. Im Rest war Europas waren bis zur der Französischen Revolution die Kniebundhose, “culotte” genannt und farbprächtige, kostbare Oberteile die Kleidung des Mannes von Welt. Nur die arme, arbeitende Bevölkerung trug seinerzeit schon lange Hosen, die “pantelons” genannte lange Fischerhose. Der Begriff “Anzug” umfasste damals eine als Einheit getragene Kleidung wie zum Beispiel die Uniform der Militärs.
Im Zuge der Französischen Revolution musste der Adel seinen durch die Kleidung demonstrierten Standesdünkel aufgeben; die Kleidung wurde schlichter, die Farben gedeckter, und die Kniebundhosen des Adels, vom Volk als aristokratisches Zeichen verhasst, wurden abgelöst durch lange Hosen, zu denen man ein Jackett und oft eine West trug: Der Anzug war geboren und gesellschaftsfähig geworden. Da die Sportkleidung des englischen Adels und Großbürgertums das Vorbild dieser Bekleidungsart war, nannte man die neue Mode “à l’anglaise”. Einer der bedeutendsten Vorreiter dieser neuen Männerbekleidung ist der englische Dandy Beau Brummel gewesen, der maßgeblich dazu beigetragen haben soll, dass das neu erwachende Körperbewusstsein der Männer von den Schneidern in Anfertigung körperbetonter Kleidung umgesetzt wurde. Der sich Ende des 18. Jahrhunderts in ganz Europa durchsetzende schmucklose, unauffällige Anzug korrespondierte perfekt mit dem an Bedeutung gewinnenden Puritanismus und Protestantismus.
Der Anzug als Kombination aus langer Hose und Sakko oder Jackett, oft mit Weste, ist in seiner Grundform bis heute unverändert geblieben; je nach gesellschaftlichem Anlass besteht das Oberteil aus Sakko, Cutaway, Stresemann, benannt nach Gustav Stresemann, oder Smoking. Neben dem Maßanzug hat sich längst auch das Serienprodukt durchgesetzt, doch der Herr von Welt trägt noch immer gern den für ihn speziell angefertigten Anzug. Die dezent gedeckten Farben der nachrevolutionären Welt sind bis heute erhalten geblieben; seit sich der Anzug als Männerbekleidung aller Schichten durchgesetzt hat, ist die farbenprächtige, nach Effekten heischende Kleidung allein den Damen vorbehalten.

